Es gab mal eine Zeit, da habe ich mich manchmal ziemlich geschämt, wenn mein iPhone Geräusche machte und eine Nachricht aufploppte. Nicht etwa, weil es mir grundsätzlich peinlich wäre, wenn ich durch Handygeklingel und Co. auffalle – das ist mir herzlich egal, zumal das die Dosis an Fettnäpfchen, in die ich täglich so reintrete auch nicht mehr fett macht. Viel mehr habe ich mich für die App, die dabei angezeigt wurde, geschämt: Tinder.

Tinder war ja noch nie ein Grund besonders stolz zu sein, und so wundert es nicht, dass die meisten Tinder-Paare, die ich kenne, sich immer irgendeine alternative Kennenlern-Story ausgedacht haben – mal abgesehen von mir, die über ihre semi-romantische Tinder-Beziehung ein semi-anspruchsvolles Buch schreiben musste.

Inzwischen gibt es keinen Grund mehr sich zu schämen; Tinder ist einfach zu schlimm geworden, um es überhaupt noch zu benutzen. Das fiel mir neulich auf, nachdem ich die App nach langer Zeit wieder mal installiert hatte und direkt nach dem Date weiter auf den Hamburger Berg ziehen musste, um es ja schnell zu vergessen. Kurz ich ja noch überlegt, mein Date – ein Urologe, der sich vier Jahre jünger gemogelt hatte und lauthals vor den Barkeepern des ‚Le Lion‘ von seiner letzten Op und Exzemen an Obdachlosen erzählt hatte- als ‚Recherche‘ zu verbuchen und einfach eine Fortsetzung über die schlimmsten Tinder-Dates aller Zeiten zu schreiben. Als eine Freundin von mir wenig später das gleiche Schlüsselerlebnis mit demselben fragwürdigen Protagonisten hatte, kam mir die Idee dann doch eine Spur zu aufopferungsvoll vor. Man kann Menschen ja auch fernab von Tinder kennenlernen. Das hat früher ja auch geklappt – man sich dann gar nicht erst auf irgendeine alternative Kennenlern-Story einigen muss. Deshalb kommen hier meine 7 Retro-Orte zum Kennenlernen!

7 Orte, an denen du dich ohne Tinder verlieben kannst

1. In der Jugend

Okay, es ist kein wirklicher Ort, aber so schön retro, dass es reinmusste: Die Jugend, in der man sich kennen und lieben lernt. Ist zwar selten, aber ein paar Menschen gibt es ja doch, die es so lange zusammen aushalten. Bestes Beispiel ist meine Freundin Jana, die ihren Freund 2003 beim Schüleraustausch in Argentinien getroffen hat, erst eine jahrelange Brieffreundschaft zwischen den Bundesländern Bayern / Schleswig-Holstein führte und heute eine gemeinsame Wohnung plus ultimativ süßes Baby hat.

2. Im Urlaub

À propos ‚Schüleraustausch‘: großartig zum Kennenlernen sind Urlaube, Auslandssemester und ‚Work & Travel‘-Programme. Der Vorteil eines solchen Kennenlernens? Man ist die ganze Zeit über in dieser herrlich entspannten Ferien-Bubble. Der Nachteil? Die Beziehung hält selten auch nach dem Auslands-Ausnahmezustand noch an.

3. Im Studium

So ein bisschen ist das Studium ja entzaubert, seitdem es studivz / facebook / Instagram gab und gibt. Je nach Studiengang lohnt es sich mal mehr, mal weniger (im Philosophenturm in Hamburg kann man definitiv mit geschlossenen Augen plus verspiegelter Sonnenbrille herumlaufen und versäumt nichts…). Begegnet man sich irgendwo zwischen Mensa und Hörsaal, sind die Interessen schon mal nicht ganz so verschieden.

4. Im Club

You can find me in the club… Ja, es gibt sie immer noch: Paare, die sich beim Feiern begegnen. Wenn man mal ehrlich ist, ist ein Kennenlernen zwischen dem vierten und fünften Wodka-Shot, David Guetta und Pit Bull auch nicht wesentlich romantischer als ein Match bei Tinder. Dafür weiß man gleich, wie ernst es dem anderen ist, wenn weder Techno-Beats noch Fahne am ersten Kuss hindern. War jedenfalls bei meinem zweiten Freund und mir so und wir waren nach einem Abend mit 5 Promille in der schäbigsten Dorf-Disko immerhin ein Jahr lang zusammen (mit 15 Jahren für mich ’ne große Leistung).

5. Bei der Arbeit

Meine Eltern sind sich vor gut 30 Jahren bei der Arbeit begegnet, wo meine Mama meinem Papa versehentlich zur Begrüßung einen Kaffee übergoss. Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, ob das nicht doch Absicht war.

6. Am Meer

Gibt es was Schöneres, als sich leicht gebräunt und leicht bekleidet entspannt am Strand über den Weg zu laufen? Ist so meiner Schulfreundin Julia passiert, die sich beim Surfen auf Fehmarn spontan so sehr verliebte, dass sie und ihr jetziger Mann ein paar Monate später heirateten – im Leuchtturm auf Fehmarn, wieder am Meer. (Artikel ist hier bei Très Click erschienen..)

7. Im Bus

Ja, klingt merkwürdig und ja, deshalb ist es mir selbstverständlich passiert: Ich habe meinen ersten Freund im Bus kennengelernt. Ich war 15 Jahre alt und meine beste Freundin und ich hatten damals die sehr sinnvolle Freizeitbeschäftigung ‚heimlich Bailey’s trinken und Bus fahren‘. So auch dieses Wochenende, an dem wir schon nachmittags getrunken hatten und uns ziemlich lustig fanden. Im Bus stiegen wir hinten ein, weil dort auf der hintersten Bank immer die coolsten Leute saßen. So auch mein Freund, der bis vor kurzem noch auf meiner Schule in der Oberstufe gewesen war. Er sagte so etwas wahnsinnig Tiefgründiges wie “Früher bin ich immer auf meinem Schulweg bei dir zuhause vorbei gefahren“, und zack, waren wir – dank der magischen Kulisse ‚Bus‘ und dem Zaubertrank ‚Bailey’s‘ – für drei Monate zusammen. Was nüchtern betrachtet, nicht mehr die allerbeste Idee war.