Gestern Morgen, als ich aufgewacht bin, war die Welt noch für eine Weile in Ordnung. Ich zog mir meine Joggingschuhe an, schnappte mir Rudi, um dann mit ihm um die Alster zu laufen. 10 Kilometer mit Binennalster, beste Laune, ich war voller Endorphine, bis mein Handy vibrierte und mir eine Nachricht meiner Mama angezeigt wurde.

Terroranschlag in Manchester. Mindestens 22 Tote.

Die Nachricht kam ganz langsam, dafür aber mit einer unheimlichen Wucht da irgendwo oben – man nennt es „Hirn“ – an. Manchester, da wollten meine Schwester und ich am Freitag hin. Meine Schwester hatte mir zu Weihnachten Tickets zu einem Konzert von „Take That“ und „All Saints“ geschenkt. Seit 5 Monaten freute ich mich auf die gemeinsame Zeit mit ihr in England.

Da wären wir am Samstag gewesen.

Da wären wir am Samstag gewesen.

Und jetzt das. Menschen, die ziemlich das Gleiche vorhatten, wie meine Schwester und ich: einen fröhlichen Abend zu guter Musik verbringen. Menschen, die dort in der Halle, die wir vier Tage später besucht hätten, als sie eigentlich nur eine schöne Zeit haben wollten, auf widerwärtige, abscheulich feige Art ums Leben gekommen sind. Kleine Mädchen, Teenager, die vielleicht gerade ihr erstes Konzert besuchen wollte , wer auch immer, Menschen, die noch jede Menge vom Leben vor sich hatten – bis man es ihnen völlig willkürlich genommen hat.

Das allein ist schon schlimm, so schlimm, dass man weltweit sein Mitleid mit #prayformanchester bekundet. Was ich fast genauso schlimm finde, sind die politisch korrekten Vollidioten, die darauf hinweisen, dass so etwas in Aleppo ja jeden Tag passiert. Das ist furchtbar und ich bin mir sicher, dass 90 Prozent aller für Manchester Mitleid bekundenden Menschen genauso viel Mitleid mit den Opfern in Aleppo haben. Es sei ihnen, euch und mir verziehen, dass sie, ihr, wir nicht jeden Tag, jedes Grauen, das irgendwie, irgendwo, irgendwann auf der Welt geschieht, auf dem Zettel haben. Vermutlich macht das menschliche Hirn das sogar absichtlich, dass man manche Dinge, die einem psychisch zu sehr zusetzen würden, einfach mal gepflegt ausblendet. Was aber schwierig ist, wenn quasi direkt um die Ecke, zu einem Anlass, bei dem jeder von uns schon mal war, so etwas passiert. Vielleicht fallen deshalb bei solchen Anschlägen die Mitleidbekundungen etwas üppiger aus, auch wenn jeder Mensch für jeden sinnlosen Attentat-Tod zweifelsohne gleich viel Mitleid verdient hat.

Trotzdem kann und sollte man zu jeder Gelegenheit, wenn einen eine Sache emotional berührt, sein Mitleid bekunden dürfen!

Mitleid ist immer subjektiv und es gibt keine Messlatte, wann welcher Grad an Mitleid angemessen ist. Das bleibt jedem selbst überlassen. Genauso wenig wird Leid auch nur um ein Fünkchen besser, wenn man anderes Leid zum Vergleich heranzieht. Was nützt es dem Obdachlosen am Hauptbahnhof, dass zwanzig Meter ein weiter Obdachloser sitzt, der zu allem Überfluss auch noch keine Zähne mehr hat? Wenig.

Für Betroffenheit sollte man sich nicht rechtfertigen müssen, genauso wenig wie für Trauer, Freude, Liebe … eigentlich jede Art von Gefühlen, mal abgesehen von Missgunst und Hass.

 

Happy Schwesterchen

Happy Schwesterchen, als wir uns noch auf Sister-Time gefreut haben

Leid mit Leid zu vergleichen, macht es nicht besser, weder das eine noch das andere. Überhaupt finde ich es anmaßend und überheblich, über die Gefühle anderer zu urteilen. Wenn jemand ernsthaft traurig über den Abstieg seiner Lieblingsmannschaft ist, mag das vielleicht albern und überzogen erscheinen – für die Person selbst kann das Empfundene dennoch schlimmer sein als ein Todesfall in der Familie eines eher unempathischen Menschen.

Das tut gerade aber auch gar nicht groß zur Sache, denn bei dem Passierten handelt es sich ja nun mal leider nicht um ein banales Alltagsproblem, sondern um einen Anschlag bei dem Menschen, unschuldige Menschen völlig wahllos ums Leben gekommen sind. Nicht äußern zu dürfen, dass man so etwas verabscheuenswert und grausam findet, nicht sein Mitleid ausdrücken zu dürfen, ohne dass einem Unverhältnismäßigkeit vorgeworfen wird, finde ich schlichtweg beschämend.

Vielleicht sollte sich eine dieser politisch überkorrekten Personen, die ihre Gefühle mit der Küchenwaage ganz gerecht verteilen, das nächste Mal fragen, ob das Lächeln auf ihrem Gesicht, wenn sie die Bahn nach dem Sprint doch noch bekommen hat, überhaupt angemessen ist. Ist ja schön und fein, dass man in die richtige Bahn einsteigt und so morgens pünktlich zur Arbeit kommt, aber ganz ehrlich, irgendwo gibt es sicher auch jemanden, der jeden Morgen zu jeder Uhrzeit, wenn er pfeift von seinem persönlichen Chauffeur gefahren wird. Der kennt solche Probleme wie „zu spät kommen“ gar nicht. Sich zu freuen, ist angesichts dessen echt albern und unangemessen. Aber Freude mit Freude zu relativieren – das wäre jetzt nun wirklich vermessen.

CeJSUFiUYAIN2RE-1

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