Neulich meinte eine Bekannte zu mir: „Ich wäre manchmal gern ein Mann. Die machen sich viel weniger Stress um ihr Aussehen.“
Ich bin grundsätzlich kein großer Fan von „So sind Männer“- und „So sind Frauen“-Theorien. Dieses eine Mal musste ich bei solchen geschlechtsstereotypen Erklärungen trotzdem mal eine Ausnahme machen, denn das war mir tatsächlich schon mal aufgefallen: Männer sind oft so viel gnädiger zu sich als wir. So zum Beispiel einer meiner Freunde, der neulich, beim Fernsehabend, die Hand in der Chipstüte mit wohlwollendem Blick an sich herunterguckte und feststellte: „Ich bin ganz schön fett geworden.“ Dass die Hand danach dennoch ohne Zwischenstopp in den Mund wanderte, brauche ich nicht extra zu erwähnen, oder?
Würde mir dagegen beim Chips-Essen auffallen, dass ich merklich zugenommen habe, würde ich die Tüte wohl eher ganz schnell zur Seite legen. Und mir in den Kalender meines iPhones schnell „Joggen“ als Termin für den nächsten Morgen einstellen. Das mag man jetzt diszipliniert finden, oder aber ein Stück unentspannt, denn, ganz ehrlich, von ein, zwei Kilo mehr, die man mal temporär mehr auf der Hüfte hat, geht die Welt auch nicht unter.
Vielleicht hat besagte Bekannte ja tatsächlich ein Stück weit recht. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, warum Filme wie Nora Tschirners ‚Embrace‘, Dove-Werbung von Frauen, die ausnahmsweise nicht mit Photoshop bearbeitet wurden und die Brigitte-ohne-Models derartig abgefeiert werden. Oder warum sich bei mir die ersten Freundinnen Gedanken um hängende Brüste machen. Eine Kollegin meiner Freundin hat sich jetzt – mit Ende 20 – schon das erste Botox spritzen lassen.
Da kann man sich doch wirklich nur an die glatt gezogene Stirn tippen.  Und ja, die meisten Männer, die ich kenne, würden bei solchen absurden Stories nur fragend die Stirn runzeln (geht bei ihnen ja auch noch, Glück gehabt), ganz ohne Rücksicht auf drohende Denkfalten. #sorrynotsorry
Sei nett zu deinem Körper – du hast nur einen
Wenn man mal länger darüber nachdenkt, ist es wirklich absurd, wie schlecht wir teilweise über uns selbst und unser Äußeres denken. Ich trage nun wirklich keinen Heiligenschein und lästere auch ab und zu mal ganz gern, aber es gibt keine einzige Frau, mit der ich so hart ins Gericht gehe, wie mit mir selbst„Du sahst auch schon mal besser aus“, „Bin ich fetter geworden?“, „In der Jeans habe ich krasse X-Beine.“… To be continued.
Warum regen wir uns über den fetten Hintern auf, wenn wir doch eigentlich froh sein könnten, überhaupt einen zu haben, der uns so zuverlässig durch das Leben trägt? Warum über kleine Brüste schimpfen, wenn wir dafür problemlos Ausschnitte bis zum Bauchnabel tragen können, ohne ordinär auszusehen?
Unser Körper liefert uns tausend Gründe (mindestens!), sich über ihn zu freuen. Stattdessen regen wir uns aber über die ein, zwei, drei bis 10 Gründe auf, sich über ihn zu ärgern.
Viel zu oft fokussieren wir uns auf die Dinge, die nicht ganz perfekt sind, dabei wäre es eigentlich mal an der Zeit, „Danke“ zu sagen. Danke lieber Körper, dass du deinen Job so gut machst. Danke, dass du mich durch das Leben trägst, auch wenn ich mal ein paar Tage nur von Tütensuppen lebe (ist mir tatsächlich früher, während des Studiums mal passiert), danke, dass du auch noch in Phasen funktionierst, in denen ich vom Gelegenheits-und-nur-zum-Weinchen-Raucher zum lebendigen Schornstein mutiere. Danke, lieber Körper. Ich habe vergessen dir das zu sagen, weil es so selbstverständlich für mich ist. Entschuldige, wie mies ich manchmal über dich denke.
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Danke, lieber Körper, für all die schönen Dinge, die du erst möglich machst.

Und überhaupt: Gibt es nichts Wichtigeres, mit dem wir uns befassen können? Bringt uns der Gedanke, wie wir mit 5 Kilo weniger aussehen würden, auch nur in irgendeiner Hinsicht voran und wären wir mit geraderen Beinen, größeren Brüsten, einem strafferen Bauch, ein glücklicherer Mensch?
Die Antwort sollte ziemlich klar sein. Man sagt nicht umsonst: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“ Warum schauen wir uns dann nicht selbst mit ein bisschen mehr Liebe an? Um noch mal auf die von mir verhassten „Männer sind so…“- und „Frauen sind so…“-Theorien zurückzukommen: Wie gesagt, glaube ich nicht daran, dass wir uns so kategorisch unterscheiden und ich für meinen Fall, wäre nicht gern ein Mann. Was ich dagegen gern sein will und wir alle gern sein sollten: jemand, der nett zu seinem Körper ist. Wir haben schließlich nur den einen.