08. März, Weltfrauentag und wieder mal geht die Diskussion los: Braucht man so einen Tag überhaupt noch, zu Zeiten, in denen wir uns die Haltung #girlboss zwar nicht groß auf die Fahne, aber doch immerhin  auf die Handyhülle schreiben?
Was modisch so einigermaßen funktioniert, hapert oft noch in der Umsetzung. Ich denke da zum Beispiel an meine Freundin Julia, mit der ich regelmäßig um die Alster laufe. Julia arbeitet als Headhunterin – und das ziemlich erfolgreich, sprich: Unter der Woche ist sie selten vor 20 Uhr zu Hause. Darunter hat seit ihrem Einstieg ins Berufsleben vor allem ihr Hund – ein kleiner, ziemlich leiser, ziemlich bürotauglicher Mops, zu leiden. Julia hat natürlich mal ganz höflich, nicht zu fordernd, und eher unauffällig bei ihrem Arbeitgeber nachgefragt, wie das so sei mit Hunden im Büro und ein kategorisches „Nein“ dafür kassiert. Tja, und dann kam ihr neuer Kollege Nils, der in etwa die gleichen Aufgaben wie Julia hat, sich aber darin von Julia unterscheidet, dass er gleich beim Vorstellungsgespräch ankündigte, er habe einen Hund, und neben seinen Gehaltsvorstellungen, müsse als weiterer Punkt erfüllt werden, dass sein Hund einmal die Woche mit ins Büro kommen darf. Er durfte.

Pech für Julias Hund, Glück für den Hund von Nils, mag man jetzt denken. Oder aber, man nimmt die Geschichte als Beispiel für die immer noch viel zu sehr vorherrschende Harmoniesucht von uns Frauen, und die Angst, Andere mit unseren Forderungen zu verschrecken. Statt uns für uns und unsere Rechte starkzumachen, zucken wir mitunter sogar erschrocken zusammen, wenn es eine Spur zuuu emanzipiert wird, wie man spätestens seit den 1970ern und der Geburt der abwertend gemeinten „Emanze“ beobachten kann. Ungerechtigkeiten gegen Frauen fallen uns nur noch da auf, wo sie allzu offensichtlich ins Auge springen: Bei Genitalverstümmelungen. Frauenhandel – so als würde es ansonsten reichen, wenn nur wir selbst einen gut bezahlten Job dank Akademikertitel haben.

Was wir dabei nicht vergessen sollten: Wir Frauen wären nicht, wo wir heute sind, hätten nicht Generationen von Frauen vor uns für uns gekämpft und sich für unsere Rechte eingesetzt. Diesem Vorbild sollten wir heute hinterhergehen.Danke an all die mutigen Frauen, die für uns, die spätere Generation gekämpft haben. Und auch wenn man es hier in Deutschland mitunter gern vergisst – spätestens bei der nächsten Gehaltsverhandlung fällt es einem dann doch auf: Wir sind noch mittendrin in dem Kampf.
Für mich steht der Weltfrauentag deshalb nicht nur für das erkämpfte Wahlrecht von 1918, Diskussionen um Sexismus, Frauenquote und alleinerziehende Mütter, sondern vor allem für den Zusammenhalt von uns Frauen untereinander, die Fähigkeit sich zu mobilisieren und füreinander starkzumachen. Dahinter steht also eine ganze Haltung, eine Einstellung, die nicht an einen einzelnen Tag gebunden sein sollte, uns so zumindest aber darauf aufmerksam machen kann, was im Alltag alles nicht funktioniert: Warum machen wir Frauen uns nicht immer füreinander stark und dagegen oft das Leben so schwer? Da erkundigen sich Weihnachten die alten Klassenkameradinnen im pseudo-besrogetn Tonfall, ob man von XY aus der Parallelklasse gehört hat, die jetzt schon zum zweiten Mal geschieden ist  – das müsse ja hart für sie sein (*hämischer Unterton aus*) und auch die neue Kollegin wird erst mal skeptisch beäugt, weil sie einem den Job streitig machen könnte.
Wie oft lästern Frauen abfällig übereinander, anstatt die Erfolge anderer Frauen zu feiern? Wieso unterstützen wir uns nicht grundsätzlich? Füreinander  statt gegeneinander – das sollten wir Frauen uns an 365 Tagen im Jahr zum Ziel machen. Dann brauchen wir irgendwann auch keinen Weltfrauentag mehr.
Julia, Aktivistin bei ‚Wir müssten mal reden‘“Wenn wir über Gleichberechtigung sprechen, dürfen wir keinen White Feminism einschlagen. Für nicht weiße Frauen, dicke Frauen, Transfrauen ist Gleichberechtigung im Alltag immer noch nicht angekommen. Im Ausland ist das oft noch gravierender: In Indien arbeiten zum Beispiel viel mehr Frauen als Männer. Da redet nur niemand drüber, weil diese Frauen nicht bezahlt werden. Sie arbeiten unter sehr schlechten Bedingungen, meistens noch mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, sind gar nicht registriert und nähen für uns ‚Feminist as F*ck‘-T-Shirts… während sie in einer toxischen Umgebung arbeiten müssen. Feminismus sollte nicht vor der eigenen Haustür aufhören.“ 
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Hey people! 💕 #wirmuesstenmalreden – Julia und Esin. Hier seht ihr uns endlich mal zusammen, sonst sind wir meistens ja (leider) eher getrennt. Wir wohnen 500km entfernt voneinander, aber WMR ist unser Herzensprojekt. Dieser Blog bedeutet uns sehr viel und gibt uns endlich die Plattform, die wir unbedingt gebraucht haben. Vor dem Blog kannten wir uns nicht, wurden aber schnell Freundinnen; und dann auch Schwestern. Das Foto entstand nach einem langen Tag in Berlin. Wir möchten uns bei euch allen bedanken, ihr schickt uns jeden Tag so viele liebe Nachrichten und supportet uns und wir sagen euch: so ganz können wir es immer noch nicht fassen. Wir sind noch ganz am Anfang und können euch sagen: es wird noch so viel kommen, wir sind heimlich am arbeiten für euch. WMR ist für alle marginalisierten Menschen da draußen und für alle, die sich weiterbilden wollen. Lange Rede, kurzer Sinn: Danke! 💜

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„Ich sehe den WFT als eine Erinnerung daran, dass Frauen sich unterstützen sollten. Es geht nicht um „sind Frauen besser als Männer“.Sondern eher um „wie können wir einander mit unseren besonderen weiblichen Fähigkeiten unterstützen?“Zu oft erlebe ich Neid und Missgunst in Frauen-Gruppen, so klassisches Bitch-Benehmen, Stutenbissigkeit, den anderen nichts gönnen. Das macht dann leider die Damen selbst emotional krank und empathielos. Von daher mein Wunsch an den WFT: Sister-Power! Wertschätzung, Hilfestellung und Liebe zueinander. Das macht auf Dauer stark und gesund “, sagt Gründerin und Business-Coach Stephanie Ernst.

Yogini, Autorin und Unternehmerin Sandra von Zabiensky: „Ob wir einen Weltfrauentag brauchen? Ich habe lange darüber nachgedacht und finde: JA. Und zwar nicht in dem Sinne, dass es hübsche, pinke Bohrmaschinen zum Sonderrabatt am Weltfrauentag gibt, sondern dass der Tag genutzt wird zu reflektieren: Was sind unsere Rollenerwartungen? Was halten wir für selbstverständlich männlich / weiblich? Was finden wir befremdlich? Hier gibt es einen grandiosen Film bei Netflix – ‚Kein Mann für leichte Stunden‘ – für alle, die sich selbst mal überprüfen wollen. Ansonsten finde ich jeden Tag, den wir der Weiblichkeit und dem Thema Frau zu sein in allen Facetten, widmen, großartig.“

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Darf ich euch vorstellen? Auf dem Bild sehr ihr die Spezies Kackbratzius Ordinaris. Damit ist nicht der Hund gemeint. Sondern ich. Wenn diese Seite in mir zum Vorschein kommt, dann bin ich in etwa so feinfühlig wie ein Schabrackentapir im Schweinsgalopp. Wie Montag zum Beispiel: Da kommt meine wunderbare Freundin @sara.wragge extra aus Bremen angereist um ein Thetahealing mit mir zu machen. Ich bin (War. Ab sofort ändert sich das) nämlich gut darin Geld zu verdienen, aber leider noch besser, im auszugeben. Die Meisterin des Minusvermögen sozusagen. Ich lag also noch mit Kater vom Sonntag (ja, auch das passiert. Selten, aber kommt vor) auf der Couch, sie sitzt anmutig davor. Während Sara sich daran macht, mit mir die alten Glaubenssätze hinter dem ständigen Geldmangel aufzuspüren, um diese neu zu programmieren, passiert folgendes: Kackbratzius Modus full throttle on! Ich unterbreche sie ständig, weil es nicht ganz genauso so wie ich möchte formuliert ist. Bei der muskulären Überprüfung bin ich sowas von im Kopf, dass ich denke: „Ne, das denke ich auf keinen Fall, hier halte ich fest.“, was die Überprüfung unmöglich macht – kurz: ich bin eine ähnliche Katastrophe wie damals, vor drei Jahren, als ich die Yogastunde des wirklich tollen Lehrers Dan im @yogatribe fast gesprengt habe, weil ich “konstruktive Vorschläge“ in die Klasse einbrachte. Ich war die „Yogaschülerin out of hell“, da half auch das entschuldigen nach der Stunde nix. Jedenfalls, ähnlich charmant zeigte ich mich bei Sara. Es spricht für ihr großes Können, dass wir trotzdem Glaubenssätze hinter meinem kontinuierlichen Geldmangel identifizieren und neue Leitsätze etablieren können. Danke, Sara-Schatz dafür! Was können wir also tun, wenn die Kackbratze in uns auftaucht und mal wieder Tabula Rasa macht? Ganz ehrlich: manchmal nichts. Meistens sehe ich die Gedanken aufsteigen und kann sie amüsiert beobachten, nicht darauf reagieren, aber manchmal passiert es eben doch. Was ich aber ebenso kann, ist aus ganzem Herzen Entschuldigung zu sagen und herzhaft über mich selbst lachen, wenn die Kackbratzius Ordinarius im Schweinsgalopp durch mein Leben pflügt. In diesem Sinne: have a wonderful ride! 💗Sandra

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Natalia von femrep: „Der internationale Frauen*kampftag ist ein wichtiger Tag für alle Frauen*, Lesben, Trans- und Intersexuelle und non-binäre Menschen, um auf die Straße zu gehen oder zu streiken, um der Welt laut zu zeigen, an welchen Stellen es Ungerechtigkeiten gibt oder ganz leise für das eigene Umfeld Dinge zu verändern, zu diskutieren und andere Perspektiven aufzuzeigen. An allen Tagen und besonders an diesem Tag ist es wichtig sich solidarisch zu zeigen und sich gegenseitig zu stärken und intersektionalen Feminismus zu leben. Es reicht nicht, wenn der Weltfrauen*tag zu einem Special beim Supermarkt mit Rabatten auf rosa Produkte verkommt oder der Ehemann seiner Ehefrau eine Schachtel Pralinen schenkt, aber nicht aufhört ihr ins Wort zu fallen, über ihren Körper zu bestimmen, ihr nichts zutraut oder die Carearbeit für die Familie als selbstverständlich ansieht. Besser ist es sich anzuhören, was die FLTIN*-Personen im eigenen Umfeld zu sagen haben und sich für ihre Sache stark zu machen, wo sie noch nicht gehört werden – sei das im Büro, der Lieblingskneipe oder der eigenen Familie. Es gibt noch jede Menge zu tun und gemeinsam können wir wirklich vieles verändern und verbessern.“

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Treffpunkt 15:30 Uhr am Rathausmarkt beim femrep-Banner 🐆💜 Der 8. März ist der internationale Frauen*kampftag. Seit Jahrzehnten gehen wir an diesem Tag auf die Straße, um unsere Erfahrungen und die gesellschaftlichen Missstände sichtbar zu machen, denen wir täglich ausgesetzt sind.  Wir sind Frauen, Lesben, nicht-binäre, trans und inter Personen und wir sind Teil einer internationalen Bewegung! Diese hat allein in den letzten Jahren von Polen bis Argentinien, von New York bis Hongkong, von Spanien bis Nigeria Millionen Menschen auf die Straßen gebracht. Auch 2019 werden wir, in Hamburg und auf aller Welt, auf die Straße gehen! —–> https://www.facebook.com/events/730863373966886/

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femrep ist ein Verein, ein Netzwerk, ein gemeinschaftliches Label, ein Anlass, ein Ort an vielen Orten für Frauen*. femrep wurde im April 2017 in Hamburg gegründet, um eine Leerstelle zu besetzen; um einen Raum für solidarische Vernetzung und branchen- und generationenübergreifenden Austausch für FLTIN*s zu bieten, einen Rahmen für feministischen Diskurs und eine Möglichkeit zur autonomen Organisation zu schaffen. Neben monatlich stattfindenden Mitgliederversammlungen werden Lektürekreise, Filmclubs, Kolloquien, Exkursionen, Workshops, gemeinsame Essen und Vorträge von und für FLTIN*s angeboten.