Letzte Woche ging ein Video viral. Darin erzählt Schauspielerin Mayim Bialik, die wir als Dr. Amy Farrah Fowler aus The Big Bang Theory  kennen, weshalb es falsch ist, erwachsene Frauen als ‚Mädchen‘ zu bezeichnen. Wörter haben eine Bedeutung, sagt Bialik und formen unsere Vorstellungen. ‚Mädchen‘ seien erwachsenen ‚Männern‘ unterlegen, deshalb nehmen wir Frauen, die wir als ‚Mädchen‘ bezeichnen automatisch nicht zu 100 % ernst.

Kurz vorweg:  Ich fühle mich dadurch, dass es Krankenschwestern, aber keine -brüder gibt, genauso wenig benachteiligt wie durch die Tatsache, dass der Weihnachtsmann männlich ist. Mir herzlich egal und ich finde das manche ‚Probleme‘ der heutigen Generation von Frauen sehr hausgemacht.

Dennoch hat mich Bialiks Video irgendwie zum Nachdenken bewegt und in manchen Aspekten gehe ich absolut d’accord mit ihr. Ich bin bald 29 Jahre alt, habe ein abgeschlossenes Französisch- und Philosophie-Studium, eine eigene Wohnung, ein Auto und einen eigenen Hund. Es ist Jahre her, dass mich meine Mama zu Freundinnen oder dem Klavierunterricht gefahren hat und ich bitte Andere eher um einen ‚Gefallen‘ als um Hilfe. Ich bin absolut nicht das, was man per Definition unter einem ‚Mädchen‘ versteht und würde mich selbst auch nicht mehr als eines bezeichnen.

Nicht weil ich mich durch den Begriff diskriminiert fühle. Für mich zeigt Bialiks Beobachtung aber etwas anderes, nämlich wie sehr der Jugendwahn unserer Gesellschaft inzwischen in der Sprache angekommen ist. Frauen werden als ‚Mädchen‘ bezeichnet, 40-jährige Männer gehen mit ihren Jungs etwas trinken und wenn Beyoncé „If I were a boy“ singt, meint sie wohl auch eher ein männliches Wesen in ihrem Alter als den Spielgefährten von Tochter Blue Ivy. Insofern ist die Bezeichnung ‚Mädchen‘ für erwachsene Frauen wenn es nach mir geht, auch kein Angriff auf diese. Die inflationäre Verwendung von ‚Jungs‘ und ‚Mädchen‘ zeigt meiner Meinung nur, wie gern wir alle Peter Pan sind: Wir sind doch alle gar nicht so erwachsen wie wir aussehen und ‚Mädchen‘ klingt cooler, jünger, süßer – eher wie jemanden, den man daten will, als eine ‚Frau‘, mit der man Ehering und Familie assoziiert.

Womit wir auch schon bei Bialiks eigentlichem Anliegen wären – dem Einfluss von Sprache auf unser Denken, unsere Vorstellungen, unsere Wahrnehmung. Wenn wir sprechen, stellen wir mit jedem Begriff Bezug zu einem außersprachlichen Gegenstand her, von dem wir eine gewisse Vorstellung haben. Das ist sinnvoll und einleuchtend, anders wäre Sprache überflüssig. Wozu sprechen, wenn mit den Wörtern doch eh nichts angefangen werden kann? Was sagt das Wort „Entschuldigung“ aus, wenn wir ihm keine Bedeutung beimessen? Warum sollte man etwas ‚versprechen‘ wenn der Bezeichnung nicht ein verbindliche Akt zugrunde liegen würde? Sprache formt, ja. Aber ist es nicht an uns, die ‚Begriffe‘, die wir uns von Begrifflichkeiten in unserem Kopf machen, immer wieder zu überprüfen?

Wenn wir mit dem Wort ‚Mädchen‘ ein hilfsbedürftiges, kleines, süßes Ding mit Zöpfen assoziieren, ist es irgendwie auch unsere eigene Schuld. Vorstellungen enthalten immer nur genau das, womit wir sie selbst ausgestattet haben.  So schreibt Sartre in „Das Imaginäre. Phänomenologische Psychologie der Einbildungskraft“: „Nun kann ich eine Vorstellung, solange ich will, im Blick halten: ich werde immer nur das, was ich hineingelegt habe, bemerken (…) die Vorstellung teilt nichts mit, gibt nie Eindruck von Neuem, enthüllt nie eine Seite des Objektes.“

Wenn wir also, ganz egal welche Vorstellungen, seien sie über den Brexit, Flüchtlinge, das Wort ‚Mädchen‘ oder auch nur die neuesten Sommerkleider, diese Vorstellungen nicht regelmäßig einer Realitätsprüfung unterziehen, werden wir unser Leben lang mit falschen Vorstellungen = Vorurteilen umherlaufen. Nur weil das Wort ‚Mädchen‘ so süß und niedlich klingt, heißt das nicht, dass der Inhalt nicht auf Bäume klettern, auf den Boden spucken und ziemlich gut Fahrrad fahren kann.

Machen wir es doch lieber wie Gwen Stefani. Die klagte 1997 ihr Leid: „Cause I’m just a girl, I’d rather not be ‚cause they won’t let me drive late at night, oh I’m just a girl, guess I’m some kind of freak ‚cause they all sit and stare with their eyes.“ Dass sie dabei mit einer niedlich-hohen Stimme singt und im bauchfreien Barbie-Look ziemlich ‚mädchenhaft‘ aussah, heißt nicht, dass wir sie unterschätzen sollten. Später gewann sie mit ihrer Band zwei Grammys. Sieht so aus, als wären ‚Mädchen‘ gar nicht so schwach, wie der Begriff, den wir uns von ihnen machen.