Minimalismus liegt schwer im Trend. Immer mehr Menschen trennen sich von nutzlosen Kleidungsstücken, Wertsachen, die nur selten gebraucht werden, der Volkswirt Niko Paech schrieb mit dem Buch „Befreiung vom Überfluss“ einen Bestseller.

Gern würde ich sagen, bei meinem Verzicht auf das Autofahren, ginge es mir um eben diese Nachhaltigkeit, die Konsequenz, einigermaßen ethisch zu leben, nicht nur über ein Essenslabel (Vegan / clean / Vegetarier) zu realisieren, sondern auch sonst so zu leben. Aber ganz so ist es nicht.

Seit gut vier Wochen bin ich nun ohne Auto unterwegs. Mein Entschluss, zukünftig auf mein und weitere Autos zu verzichten, kam ganz plötzlich und überraschend mit einem Unfall, der meinem ohnehin schon sehr sehr baufälligem Auto den letzten Rest, mir dagegen einen Anstoß (*Achtung, Wortspiel*) zum Denken gab. Dabei fiel mir auf, dass ich immer nur dann ins Auto stieg, wenn ich mir wieder mal so viel aufgehalst hatte, dass es rein logistisch, ohne Beamer – oder besser noch: Zeitmaschine – gar nicht zu schaffen war. Man kann nicht am Nachmittag, nach 6 Stunden Arbeit, wenn man eigentlich schon müde ist, innerhalb von 3 Stunden noch kurz joggen gehen, dann eine Freundin besuchen, dann ein Interview, in einem komplett anderen Stadtteil führen. Selbst wenn der Köper schon da ist, braucht die Seele noch Zeit um nachzukommen, und das hat man bei mir leider ziemlich lautstark gehört.

Deshalb bin ich jetzt seit gut vier Wochen ohne Auto unterwegs und ich finde es gar nicht mal so schlecht wie gedacht. Im Gegenteil, seitdem ich nicht mehr Auto fahre, haben sich manche Dinge echt positiv verändert:

Ohne Auto bewegt man sich mehr.

Ohne Auto bewegt man sich mehr.

Sparschwein.

Tanken, Versicherung und den ganzen Nervkram, den man obendrauf noch mit einem Auto so hat. Ich wurde zum Beispiel letztes Jahr im Januar gleich zwei (!) Mal innerhalb von einer Woche abgeschleppt, weil ich in einem total überlaufenen Stadtteil parken musste und so viel Schnee lag, dass ich mein Auto wohl falsch geparkt habe. Kostenpunkt je 280 Euro, dafür kann man schon fast eine Pauschalreise machen. Oder das Jahr davor, als mir mein Autoschlüssel in den Gulli gefallen ist, weil Rudi so gezogen hat, oder die tausend Male, die ich mit dem Auto liegen geblieben bin und deshalb zeitweise sogar schon einen eigenen Tankkanister im Auto hatte (kein Scherz). Das war alles nicht besonders günstig und so lohnt es sich im Zweifelsfall eher, mal ein Taxi zu nehmen, als sich dauerhaft an ein Auto zu binden.

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Ich bewege mich mehr. Viel mehr.

Ohne Auto bewege ich mich so viel zu Fuß, dass ich auch ohne morgendliche Laufrunde auf meine 10 Kilometer am Tag komme. Locker. Wenn ich nicht zu Fuß unterwegs bin, nehme ich meistens ein StadtRAD. Damit fährt man in Hamburg fast immer kostenlos, weil man so gut wie nie länger als 30 Minuten irgendwohin braucht (erst danach wird es kostenpflichtig). Ganz nebenbei wird so auch noch die Umwelt geschont.

Natürliche Selektion.

Ich habe mich mein Leben lang, pardon – seitdem ich Auto fahren kann -immer so abgehetzt, um es allen Menschen recht zu machen, auch ja alle Freunde zu treffen, die ich schon länger nicht gesehen habe, dass ich oft wie eine Irre von einer Bekanntschaft zur nächsten gehetzt bin. Das mache ich nicht mehr. Wer mich sehen will, kann gern auch mal selbst seinen A**** bewegen. Wir haben ja schließlich alle Beine und daran sieht man dann doch auch ganz schön, wie viel Wahrheit und Dringlichkeit  in einem „Wir haben uns viel zu lange nicht gesehen“ steckt. Ohne jetzt fies klingen zu wollen. Mich stört es eh nicht, wenn ich Freunde mal vier, fünf Monate nicht sehe, weil ich davon überzeugt bin, dass zwei Menschen, die ähnlich ticken, zwei Seelen, die zusammen im Flow sind, ein paar Wochen Distanz nichts anhaben können. Da muss man keinen unnötigen Druck aufbauen und mit dem Besuchen kann man sich ja gern auch abwechseln.

Lieferservice und Mitfahr-Parasitismus.

Seitdem ich nicht mehr Auto fahre, plane ich mehr. Statt alle zwei Tage kurz einzukaufen, lasse ich mir lieber einmal die Woche Flaschen und Co. vom Lieferservice kommen (Kisten in den 3. Stock hochzutragen wäre mir dann doch entschieden zu sportlich), oder ich frage meine Freunde, ob sie mich mitnehmen. Bisher hat sich noch keiner beschwert.

Blinder Passagier: Rudi fährt immer gratis mit.

Blinder Passagier: Rudi fährt immer gratis mit.

Beruhigungsmittel.

Ich bin insgesamt viel entspannter, ruhiger und fühle mich entschleunigt – und das will was heißen, bei einer Person, die „so schnell redet, dass man Angst hat, sie läuft gleich rot an“. (Zitat: mein Kumpel Stefan) Mag sein, dass es daran liegt, dass ich mich nicht mehr über Stau aufregen und auch keine Parkplätze suchen muss. Wahrscheinlich liegt es aber eher daran, dass ich mir ohne Auto gar nicht mehr so viel aufhalsen kann und dass ich mich noch mehr draußen bewege.

Absolute Freiheit.

Weniger zu besitzen macht freier. Ich muss morgens nicht bangen, durch irgendwelche Umstände, wie aus dem Nichts auftauchende Umzugsschilder, wieder plötzlich abgeschleppt worden zu sein und ich muss auch nicht alle 5 Wochen in die Waschanlage.

Abgesehen davon, wäre es für viele wahrscheinlich auch befreiend, nicht auf die Frage „Und, was hast du für ein Auto?“ antworten zu müssen, was für mich eh die bescheuertste Frage der Welt ist. Mir war mein Auto schon immer äußerst egal und ich bin voller Überzeugung die ungepflegteste Schrottmühle der Welt gefahren, aber wäre dem nicht so, fände ich es auf jeden Fall befreiend, ein Merkmal weniger zu haben, auf das man mich reduzieren kann. Es gibt ja genug Männer, die ihr Auto quasi als materielle P***s-Verlängerung nutzen, und da kann ich nur sagen: Ich werde lieber auf ein Busticket eingeladen, als in einen Audi A 7, den Mann sich mit fünf Kumpels geleast hat. Echt jetzt.

Bei manchen Autofahrern kann man nur davonlaufen.

Bei manchen Autofahrern kann man nur davonlaufen.

Zu sagen, dass mein Auto mir nie, gar nicht fehlt, wäre gelogen. Wäre mein Auto noch heil und würden die Versicherungskosten nicht so immens steigen, hätte ich mich sicherlich nicht dazu entschieden, ganz auf das Autofahren zu verzichten. Manchmal hätte ich es schon gern wieder, zum Beispiel, wenn sich wieder mal drei IKEA-Tüten voller Pfandflaschen angesammelt haben, wenn ich nur mal kurz zum Sport will und sonst Rudi im Auto gelassen hätte, damit wir gleich danach eine Runde drehen können, oder wenn ich mich abends spontan noch mit Freunden in einem ganz anderen Stadtteil treffen will. Das geht dann leider nicht mehr. Dafür geht’s anders: die Pfandflaschen kommen dann halt beim nächsten Einkauf mit (wie gesagt, man plant mehr…), statt Fitnessstudio gibt es eine Joggingrunde mit Rudi (ist eh viel gesünder, wenn man im Job schon so viel drinnen ist) und mit den Freunden kann man sich ja auch in der Mitte treffen und das Fahrrad nehmen.

In der Stadt kann man echt easy auf ein Auto verzichten und es ist sogar oftmals eine Erleichterung. Hätte ich das früher schon gewusst, hätte ich mir vielleicht die einen oder anderen Abschleppkosten und Parktickets gespart.