Vor einigen Monaten hatte ich zehnjähriges Klassentreffen. Krass, wie schnell 10 Jahre vergehen können und noch viel krasser, dass sich alle meiner ehemaligen Klassenkameraden zumindest für diesen einen Tag wirklich gut miteinander verstanden – obwohl wir früher eher so ein Cliquen-Gefüge waren, wo diese und jene Gruppen sich untereinander nicht ausstehen konnten. Vielleicht sind wir inzwischen einfach zu alt für so was. Mir ist das schon öfter aufgefallen: Wenn ich heute jemandem auf der Straße begegne, mit dem ich früher eine intensive Feindschaft pflegte, habe ich inzwischen doch immer für jeden ein Lächeln übrig.

Wahrscheinlich hat jeder von uns mindestens eine dieser Bekanntschaften: Menschen, mit denen man sich früher so gar nicht verstanden hat und mit denen man Jahre später plötzlich dann doch ganz gut klarkommt. Ich muss gestehen, ich habe davon gleich mehrere. Das liegt vielleicht daran, dass ich nicht immer der allertoleranteste Mensch war. Zu meiner Schulzeit hatte ich eine Mädelsclique, die ziemlich gern mal über Andere gelästert hat. Mal passte uns der Style von jemandem nicht, mal machten wir uns über die schüchterne Art lustig. Nicht nett, ich weiß, aber so wirklich nett sind Teenager nun mal nicht immer zueinander.

Manchen der Menschen bin ich später im Leben noch mal über den Weg gelaufen und obwohl ich sie früher nicht besonders doll leiden konnte, sind daraus richtige Freunde geworden. Warum? Weil beide Parteien sich neu begegneten.

Das ist aber nicht bei allen so. Erst neulich wollte ein Bekannter von mir partout nichts mit mir unternehmen, weil eine Freundin dabei war, mit der er sich vor gefühlt 100 Jahren ziemlich verkracht hatte. „Die war früher schon total anstrengend und intrigant“, meinte er. Ich weiß nicht genau, was zwischen den beiden vorgefallen ist, aber in der Situation neulich war ganz klar mein Bekannter der Dumme. Jeder hat seine Fehler, und solange diese Fehler keine direkten Auswirkungen auf die Gegenwart haben, ist für mich der größte Fehler, die Eigenschaft, nachtragend zu sein. Was dabei herauskommt, wenn man nicht verzeihen kann, sieht man an all den Bomben, die täglich auf der Welt fallen.

Warum sollte man Menschen nur anhand ihrer Taten und ihres Wesens aus der Vergangenheit beurteilen? Ich glaube, dass man sich im Leben ganz schön stark verändert. So wie die Farben der Blätter sich ändern, können wir unseren ändern. Jemandem nicht die Chance zu geben sich zu ändern, sich von jemandem abzuwenden, wegen einer Sache, die Ewigkeiten zurückliegt, finde ich deshalb echt hässlich. Damit tut man sich doch selbst keinen Gefallen.

 

Worum es vor allem im Leben geht, Streit und schlechte Taten auch mal zu vergessen. Das klingt erst mal leichter, als es ist. Klar. Im Grunde denke ich aber, dass man primär für sich selbst verzeiht, nicht für andere. Wer verzeiht und immer wieder neu auf andere zugeht, macht sich frei von schlechten Gefühlen, hat viel mehr Zeit und  Gesprächsthemen, weil man nicht ständig am Lästern ist. Ich war früher selbst eine ziemliche Lästerzicke; das hat sich erst geändert, als ich irgendwann bemerkt habe, dass Lästern meine eigene Stimmung mindestens genauso doll abwertet, wie die Person, über die die schlechten Worte fallen.

Wenn man ehrlich zu sich ist, hat doch jeder schon mal etwas falsch gemacht und daraus gelernt. Ich bin ziemlich froh, dass meine Klasse heute, zehn Jahre später so einigermaßen vergessen hat, wer früher wen beim Abgucken verpetzt hat, wer auf der Klassenfahrt wen abgefüllt hat und wer etwas mit dem Mathelehrer hatte. Das ist heute, zehn Jahre später, doch nun wirklich egal.