„Seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere.“ Das soll Schopenhauer mal gesagt haben und ich muss sagen, ein bisschen verstehe ich ihn. Wenn man sich anguckt, was auf der Welt alles los ist, finde ich manchmal, dass Tiere die besseren Menschen sind. Ehrlicher, nicht so streitsüchtig, meistens gut gelaunt und offen für andere Lebewesen.

Umso schlimmer finde ich es, wie wir mitunter mit Tieren umgehen und weil ich Tiere, wie gesagt, liebe, bin ich letzte Woche nach Rumänien gereist, um eine Tierschützerin bei der Arbeit zu begleiten: Hundetrainerin Sandra Pfaffinger wohnt seit zwei Jahren in Rumänien und setzt sich dort auf beeindruckende Art für das Wohl der Straßenhunde ein.

Seit 2013 werden Straßenhunde in Rumänien getötet, weil es zu viele Hunde gibt. Die Heime sind überfüllt und auch in den Sheltern der Tierschützer sitzen mitunter bis zu 1.000 Tiere auf engstem Raum (der beste Nährboden für Viren und Keime…). Täglich kommen weiter neue Hunde hinzu, weil die Menschen ihre Hunde frei herumlaufen lassen und sich auch Besitzertiere unkontrolliert vermehren. Das Einzige, das wirklich nachhaltig gegen die Vermehrung und das Töten der Straßenhunde in Rumänien hilft, ist, die Tiere zu kastrieren. Sandra hilft bei solchen Kastrationsprojekten, indem sie die Tiere vorab zähmt (Straßenhunde würden sonst weglaufen), die Organisation übernimmt, den Wagen fährt und auch später noch die wieder frei gelassenen Tiere mit Futter und Co. versorgt. Ich durfte sie während meines Aufenthalts bei ihren Touren begleiten.

Bei Sandra zu Hause wurde ich erst mal von ihrem eigenen Rudel begrüßt: Lilly, eine kleine, schlaue Mischlingshündin, Bao, der leider eine Behinderung hat und deshalb manchmal im Kreis läuft und hysterisch bellt, Flip, ein riesiger Hütehund, Windhündin Bobby, Fackeldame Rita und Flo, eine ziemlich freche Terrierhündin. Dazu hatte Sandra gerade noch Besuch von fünf weiteren Pflegehunden, die sie ins Ausland vermittelt. Wenn Sandra einen Hund findet, der ohne Hilfe keine Chance zu überleben hat, weil er verletzt oder noch sehr jung ist, nimmt sie ihn bei sich auf, pflegt ihn und sucht nach einem glücklichen neuen Zuhause. Ich finde das wahnsinnig liebenswert und es müsste viel mehr solcher Menschen geben.Unknown

Die Gang

Die Gang

Weil allein die Vermittlung von herrenlosen Hunden ins Ausland das Straßenhund-Problem aber nicht nachhaltig stoppt (sieht man daran, dass trotz der seit 2013 erlaubten Tötungen die Zahl nicht zurückgeht…), engagiert sich Sandra für Kastrationsprojekte. Zusammen mit einem Team aus einem rumänischen Tierarzt und seiner Frau (alle arbeiten ehrenamtlich), fährt sie mit einem Krankenwagen quer durch das Land und sucht nach Hunden, die kastriert werden müssen.

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Sandra kennt die meisten Straßenhunde in ihrer Gegend und versorgt sie regelmäßig mit Futter. „Wenn man den Dorfbewohner verspricht, dass sich die Hunde wirklich nicht weitervermehrten, sind Straßenhunde für sie okay und sie rufen keine Hundefänger“, erzählt Sandra. Manche der Dorfbewohner füttern die Hunde auch – von ihnen kriegen die Tiere meistens Weißbrot, andere Reste und Futter, das Sandra ihnen zum Verfüttern schenkt. „Als Straßenhund kann man eigentlich ganz gut leben“, erzählt mir Sandra. Kritisch sei es nur im Winter, wenn es in Rumänien auch mal –30 Grad werden kann.

Auf meinem Besuch klappern wir drei verschiedene Stationen ab, an denen Straßenhunde leben: einen Wald, in dem eine sehr scheue Hündin wohnt (ihre Welpen leben momentan bei Sandra und werden von ihr großgezogen, weil sie verletzt waren), einen Vergnügungspark, in dem gleich mehrere Hunde wohnen, einen Feldweg, an dem sich gleich drei verschieden Hundeverbände in den nah gelegenen Feldern verstecken. Sandra kennt die Hunde alle schon länger; sie fährt ihre Route regelmäßig ab und schaut, wie es den Tieren geht. Heute sammelt sie drei Hunde ein, die zum Kastrieren zum Tierarzt kommen. Ich bin einigermaßen beeindruckt, dass die Hunde ganz ohne Transportbox oder Käfig ins Auto einsteigen. Ich wünschte, Rudi würde einmal im Leben so gut auf mich hören.

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Sandra füttert hier Straßenhunde, im Hintergrund sieht man eine Anwohnerin, der Sandra Futter gegeben hat, damit diese das Füttern übernimmt.

Diese Straßenhunde leben in einem vor Hundefängern sicheren Gebiet und werden gleich kastriert.

Diese Straßenhunde leben in einem vor Hundefängern sicheren Gebiet und werden gleich kastriert.

Beim Tierarzt muss ich leider wegschauen, als das eigentlich Prozedere losgeht; Blut war noch nie so meins. Dafür höre ich umso mehr zu und lasse mir von Sandra alles über das behandelnde Tierarzt-Paar, Mircea und Paula, erzählen. Die beiden unterbrechen ihren normalen Klinikbetrieb täglich und kastrieren rund zwei Stunden lang Hunde, ohne einen Cent daran zu verdienen (Materialkosten und Co. werden durch Spenden an Tierschutzvereine finanziert). Der beste Beweis, dass man nicht alle Menschen über einen Kamm scheren sollte.

In diesem Krankenwagen kann direkt kastriert werden.

In diesem Krankenwagen kann direkt kastriert werden.

Nach der Kastration werden die Hunde wieder in die Freiheit zurück entlassen. Wenn in einer Gegend keine Hundefänger unterwegs sind, die Tiere weder verletzt noch Welpen sind, haben sie auf der Straße eigentlich ein ganz gutes Leben. Sie haben dort ihr „Rudel“, ihre Gang mit Hundefreunden, die immer schon wedelnd wartete, wenn wir die Hunde wieder zurück gebracht werden. Ich war wirklich jedes Mal gerührt davon, was für loyale, herzensgute Zeitgenossen Hunde doch sind.

Ich könnte noch ewig weiter erzählen; von dem Militärgelände, auf dem rund 50 Straßenhunde lebten, und auf dem Sandra (mit Unterstützung einiger Soldaten) Tiere zum Kastrieren einfing. Oder von dem Ausflug zu einem Slum, in dem Sandra vor einem Jahr Hunde kastrierte und den Kindern immer noch Kleidung vorbeibringt.

Rumänischer Slum: hier gibt es weder fließendes Wasser, noch Müllabfuhren.

Rumänischer Slum: hier gibt es weder fließendes Wasser, noch Müllabfuhren.

Ich bin unglaublich dankbar für all die Erlebnisse, die neuen Erfahrungen und all die tollen Menschen (und Hunde!), die ich in den paar Tagen kennenlernen durfte und ja, ein bisschen vermisse ich die 10 Hunde in Sandras Garten. Zum Glück gibt es bei mir zu Hause ja aber auch eines dieser wunderbaren Wesen, von denen man so viel lernen kann: sich mit anderen zu freuen, bedingungslos zu geben, kopflos zu lieben – kurzum dieses gewisse Stückchen „Menschlichkeit“, das uns Menschen so oft fehlt.

Mehr zu Kastrationsprojekten und wie ihr dabei helfen könnt, findet ihr hier.

Morgens laufen ist schon 'ne echte Herausforderung, wenn man erst an ein paar Welpen vorbeimuss.

Morgens laufen ist schon ’ne echte Herausforderung, wenn man erst an ein paar Welpen vorbeimuss.

Candy und Biskuit wurden beide auf der Straße geboren und waren schwer verletzt, als Sandra sie fand.

Candy und Biskuit wurden beide auf der Straße geboren und waren schwer verletzt, als Sandra sie fand.