Fünf Jahre ist es her – da schrieb ich an meinem dritten Buch über WG-Geschichten und dachte mir, für so ein Vorwort zum Thema „WGs“ könnte es keinen besseren Experten geben als Rainer Langhans. Der  76-Jährige war Mitglied der Kommune 1 der 1968er und ist so etwas wie der Urvater aller Wohngemeinschaften. Also probierte ich mein Glück und schrieb Rainer Langhans einfach mal per Facebook an. Dass er mir antworten würde, erwartete ich eigentlich nicht wirklich. Bei einer Person, die allein 1600 Facebook-Abonnenten  und einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat, die man ohne zu übertreiben als „Ikone“ bezeichnen, kann ist, sollte man sich nicht zu viel erwarten, wenn man als 24-Jährige um ein Interview bittet. Umso erfreuter war ich, als nur wenige Tage später Rainers Antwort in meinem Facebook-Nachrichtenaccount auf mich wartete. Rainer Langhans ist nämlich nicht nur äußerst kommunikativ, liebenswert und hilfsbereit, sondern auch ein echter Social Media-Profi.

Er hält viel von sozialen Netzwerken und Communitys, das hat er mir schon damals verraten. Das zeigt auch sein neuestes Buch: „#soists“ heißt es und zeigt Langhans‘ Entwicklung von der Kommune bis heute. Das Buch zeigt Bilder aus über 50 Jahren Entwicklung als Mensch, „Bewusstseinsströme“, wie Langhans es nennt. Um alles so sagen zu können, wir er es meint, verzichtete er bei dem Buch komplett auf einen Lektor.

In deinem neuen Buch #soists geht es ja viel um deine Entwicklung und die Erlebnisse, die du an die Zeit in der Kommune und später hattest. Was ist deine schönste Erinnerung? 

Meine schönste Erinnerung ist ganz klar meine Zeit in den 1968ern, also der „summer of love“ 1967. Das war eine unfassbare Zeit, in der wir uns alle mehr als high gefühlt haben. Umso schlimmer war es, als uns dieses unbegreifliche ‚Gefühl‘ wieder verließ. Viele wurden depressiv und trauerten der alten Zeit nach. Auch ich war todkrank und habe geglaubt, das nicht zu überleben. Bis ich meinen Meister traf. Das ist meine andere schönste Erinnerung. Ich bin auf ihn durch ein Buch gestoßen, dass mir gezeigt hat, was dieses ‚Paradies‘ war und dass wir auf einen Weg zu ihm gestellt sind.

Kommune 1

Kommune 1

Hättest du vor zehn Jahren gedacht, heute derjenige zu sein, der du bist?

Ja. Ich denke, das war alles eine sinnige Entwicklung. Die 68er waren die Morgenröte unseres Heute und Morgen. Damals war das alles ein erster Rausch, der uns überwältigt hat. Das konnten wir gar nicht ewig aufrechterhalten. Heute befinden wir uns in notwendiger Langsamkeit auf dem Weg dorthin – in die ‚Wirklichkeit‘.

Wenn du gesellschaftlich Bilanz ziehen müsstest, würdest du dir von den heutigen jungen Menschen wünschen, sie hätten ein bisschen mehr von dem Mut deiner 1968er-Generation?

Nein, Ihr lebt heute schon zum Missfallen der Älteren mehr ‚virtuell‘ als noch materiell, seid schon ziemlich ‚high‘, fast so wie wir damals. Im Prinzip ist das, was ihr in den Communites, in den sozialen Netzwerken bei Facebook usw. lebt, genau das, was wir in den 1968ern lebten. Eine besitzlose Gemeinschaft, Liebe, Freundschaft. Wir nannten das damals Kommune, heute ist es die Comunity: Das Private ist politisch, keine Privatsphäre, alles teilen, Gedanken, Bilder, alles mitteilen. Befreit alle Daten aus ihren Gefängnissen. Bei Facebook steht ja gerade der Gedanke Freundschaft im Fokus. Man muss sich das mal vorstellen: Es gibt fast zwei Milliarden Nutzer – der größte Staat der Welt ist ein digitaler und basiert auf Freundschaft. Überhaupt fördert Facebook als Kommunikationsmittel ein liebevolles Miteinander, denn nichts anderes macht Liebe so sehr aus wie Kommunikation. Verliebte kommunizieren unentwegt, das geht so weit, dass sie miteinander „verschmelzen“ wollen. Wobei uns daran ja der Körper, dieses ganze Sexuelle eher hindert.

Rainer Langhans mit Uschi Obermaier

Rainer Langhans mit Uschi Obermaier

Würdest du also sagen, wir Millenials sind gar nicht so faul, sprunghaft und unidealistisch, wie alle immer sagen?

Im Gegenteil: Ihr seid auf dem Weg, wie wir im ‚Geist‘, in der digitalen Welt zu leben. Das macht uns das Netz allmählich bewusst und wurde dafür ja von bekennenden ‚Hippies‘, den kalifornischen Techies geschaffen. Lasst Euch nur keine Angst machen vom Staat und seinen Geheimdiensten oder den Geschäftemachern mit ihren Urheberrechten und Fake News. Das ist doch nur Angst, die die Alten vor den jungen Digital Natives haben: große Freiheit, wahre Liebe, totaler Kontrollverlust. Kein geistiges Eigentum. Communities. Das Internet gibt uns mit seinen sozialen Netzwerken ein Werkzeug zur transzendierenden Bewusstseinserweiterung an die Hand. Wenn jeder alles vom anderen weiß, wachsen wir näher zusammen und werden eins miteinander.
Langhans' neues Buch #soists

Langhans‘ neues Buch #soists