„Ich hätte es lassen sollen; ich habe es doch vorher schon gewusst. Das war wieder einer, der einfach nur Sex mit ‚ner hübschen Blondine wollte. Und ich bin voll darauf reingefallen – ich war viel zu leicht zu haben.“

Die Geschichte, die mir meine Freundin Svetlana* da neulich aufgewühlt in einer Sprachnachricht erzählte — das Ganze untermauert mit wilden Screenshots — ist zwar erst zwei Wochen her, aber eigentlich so alt, wie es Dating ist: Lernen sich zwei Menschen kennen, treffen sich eine Weile und irgendwann kommt der Punkt, an dem man zusammen Sex hat. Weil man sich mag, Lust auf den anderen hat und irgendwann ja eh das erste Mal wäre. Warum also nicht jetzt? Womit man nicht gerechnet hat: Dass dieses eine Mal, das letzte Mal sein wird und das Einzige, was danach noch bleibt, ein ungutes Gefühl in der Magengegend und die Frage ist, was man denn bitte verkehrt gemacht hat .

So geschehen bei meiner Freundin: Letztes Wochenende hatte sie – nach dem zweiten Date – Sex mit einem Kerl gehabt und weil sie eben eigentlich nicht nur auf der Suche nach schnellem, unkomplizierten Sex ist, fühlte sie sich danach eher benutzt als befriedigt, als David * auf die Frage nach einem weiteren Date schrieb, er sei furchtbar erkältet und dann anscheinend spontan seinem Schnupfen erlag. Jedenfalls kam seitdem kein Lebenszeichen mehr von ihm.

Zum Glück, könnte man sagen, denn wenn Frauen wie Svetlana, die mühelos einen Single-Haushalt wuppen, erfolgreich im Job sind, einen riesigen Freundeskreis haben und mit beiden Beinen fest im Leben stehen, eines nicht tun sollten, dann ist es, sich mit Männern abzugeben, die ganz offensichtlich kein Interesse und noch weniger Benehmen haben. Da sollte man den Fehler doch bitte nicht bei sich suchen und sich fragen, was man falsch gemacht hat. Die Antwort ist eh ganz einfach: Nichts!

Wenn sich jemand nach dem ersten gemeinsamen Sex nicht mehr meldet und wortlos abtaucht, war man nicht „zu leicht zu haben“. Es liegt auch nicht daran, dass man womöglich schnarcht, an dem Waxing, das man leider verpasst hat, oder daran, dass man sich danach zu inflationär gemeldet hat. Wenn sich ein Kerl nach dem Sex nicht mehr meldet, weil er offensichtlich nur und ausschließlich an Sex und nicht an unserem Charakter, unserem Lebensinhalt und unserer Persönlichkeit interessiert war, dann war der Typ schlichtweg ein Idiot. Wieso aber denken so viele Frauen in solchen Situationen immer, sie hätten etwas falsch gemacht?

„Das Problem dahinter ist ein archaisches“, sagt Liebeskummer-Coach Daniela van Santen,  „das sind uralte Ängste.“ Der Mensch, so van Santen, sei nur in der Gruppe sicher und sucht deshalb gemäß seiner Natur nach anderen Menschen, mit denen er sich zusammentut. Wir sind nicht gern allein, deshalb sind Ablehnung und das Gefühl, nicht gemocht zu werden, für die meisten nur schwer zu ertragen – ganz besonders, wenn dem Gegenüber zuvor so viel Vertrauen wie beim Sex geschenkt wurde. Um das Gegenüber, den Mann, den wir da gerade gedatet haben, geht es meistens gar nicht wirklich.

Das leuchtet irgendwie ein, denn wenn wir jemanden daten und irgendwann im Kennenlernprozess Sex haben, kennen wir unser Gegenüber im Prinzip ja noch gar nicht richtig — wir sind gerade erst dabei, den Anderen in all seinen Facetten zu erfassen, zu erfahren, was das eigentlich überhaupt für ein Mensch ist, den wir da vor uns haben, und so wirklich viel kann uns an dieser Person so gesehen noch gar nicht liegen. Dass wir uns dennoch verletzt fühlen, liegt viel eher daran, dass wir insgeheim gehofft haben, irgendetwas „zurückzubekommen“ und in eben diese Person unsere Vision einer glücklichen Beziehung projiziert, und uns nach dem Sex gedanklich direkt in die Hochzeitssuite eingebucht haben.

Man kann das Ganze jetzt natürlich genauso gut auf Frauen anwenden. Wenn diese sich nach dem ersten Sex nicht mehr melden, und abtauchen ohne einem jemals zu sagen, was man(n) denn verbrochen hat, ist es um ihr Benehmen natürlich auch keinen Deut besser bestellt, als um das der Herren. Keine Frage. Von solchen Geschichten hört man tendenziell nur seltener, denn wie Daniela van Santen sagt:

„Frauen suchen grundsätzlich Fehler gern bei sich selbst. Dabei könnte man doch genauso gut die Sichtweise umdrehen und sagen, dass nicht wir Frauen, sondern eben solche Männer extrem leicht zu haben sind.“

In ihrer Laufbahn als Beziehungscoach hat Daniela von Santen immer wieder mit Männern zu tun, die erzählen, warum sie später Frauen nach dem ersten Sex links liegen gelassen haben. Die Gründe dafür? Sammelwut, Unsicherheit…jedenfalls nichts, was einen nun in irgendeiner Art und Weise attraktiv und zum potenziellen Traummann machen würde. „Wenn man sich die Männer anguckt, die sich nach dem ersten gemeinsamen Sex nicht mehr melden, entgeht einem da so gesehen nichts“, fasst Daniela van Santen kritisch zusammen, „uns Frauen geht es ja aber auch gar nicht wirklich um den Mann. Das, was wehtut, ist die Ablehnung.“

Diese wird als Schmerz wahrgenommen und hindert uns daran, weiter klar zu denken:  Und Schmerzen – ob nun seelisch oder physisch – können wir in dem Moment, in dem wir uns verletzten, nicht orten. Dies zeigen Versuche, bei denen die Verarbeitung von seelischem und physischem Schmerz aufgezeichnet wurden; offenbar sind bei beiden Arten des Schmerz’ dieselben Hirnregionen aktiv. Und diese sind vor erst einmal verwirrt. „Das kann man mit dem Griff auf die Herdplatte vergleichen“, sagt Daniela van Santen, „unser Gehirn reagiert mit Alarmbereitschaft und Aufregung und wir können erst mal gar nicht klar denken.“ Unter anderem wird bei beiden Schmerzarten der ‚Anterior Cingulate Cortex‘ (ACC) aktiviert, der das Gehirn in Aufregung versetzt und uns daran hindert, klar zu denken. Die Folge: Wir nehmen zwar den Schmerz wahr, aber können dabei gar nicht richtig sagen, was uns so weh tut. So kann es durchaus mal passieren, dass wir Schmach aus Ablehnung mit Liebeskummer verwechseln.

Was dagegen hilft? Abwarten zur Ruhe kommen, die Gefühle neu sortieren, und sich bitte, bitte, nicht selbst so fertigmachen! Wenn Frauen wie Svetlana Sex haben, weil sie eigentlich Liebe wollen und das vom Gegenüber ausgenutzt wird, ist das natürlich enttäuschend. Keine Frage. Was Svetlana, wie alle Frauen, denen so etwas passiert, dabei aber nicht vergessen sollten: Wenn Männer etwas vorspielen, nur um eine Frau ‚rumzukriegen’, falsche Hoffnungen machen und sich nach dem ersten Sex nicht mehr melden, dann wären sie wohl eh die falsche Person für eine Beziehung. Keiner möchte doch mit jemandem zusammen sein, der einen nicht liebt. Das gilt übrigens für Frauen wie auch für Männer.

Insofern gibt es nur eine Regel: Wir sollten uns nicht davon abhalten lassen, Sex zu haben, wenn wir Lust drauf haben. Wenn beide Partner Lust auf eine Beziehung haben und sich mögen, wird eine Beziehung bestimmt nicht daran scheitern. Und wenn man dann doch mal an einen Mann geraten ist, der mit Frauen ins Bett steigt, nur um sich in seiner Potenz zu bestärken oder irgendwelche Probleme zu kompensieren? Tja, dann sollten wir die Frauen die Nummer abhaken, als das was sie war: als Sex mit einem Idioten – der viel zu leicht zu haben war.

*Name geändert