Neulich war ich auf einem Geburtstag eingeladen, bei dem mir, als ich reinkam, erst mal kurz spontan die Kinnlade herunterfiel. Das Geburtstagskind, ein Bekannter meines Freundes, hatte ganz selbstverständlich eine Begleitung, die ganz eindeutig nicht die Blondine war, die zwei Wochen vorher noch mit uns zusammen ganz Doppel-Date-mäßig essen war und mit der man ihm üblicherweise rumhängen sah.

„Mit der ist er ja eh nicht richtig zusammen und er weiß doch auch gar nicht, wie lange er überhaupt noch hier bleibt. Vielleicht muss er für den Job bald nach Frankfurt“, verteidigte mein Freund seinen multipel datenden Mingle-Freund. Ja. Vielleicht drehst du auch morgen durch, und wanderst aus nach Bali, um Surflehrer zu werden, und vielleicht ziehts es mich und Rudi irgendwann in eine spanische Welpen-Aufzuchtstation (gar nicht soo unwahrscheinlich, wenn ich drüber nachdenke…).Kann alles passieren. Ist das ein Grund, sich alles offen zu halten und mit den Gefühlen anderer Menschen zu spielen, nur weil man zu feige ist, sich für irgendetwas zu entscheiden? Ich finde: Nein.

Rudi hat zum Glück keine Commitment-Probleme...

Rudi hat zum Glück keine Commitment-Probleme…

Ich habe mir den gesamten Abend jeden gehässigen Kommentar verkniffen, den man so von sich hätte geben können. Die Neue im Harem hatte mir ja nichts getan und wusste offenbar nicht, dass sie nur eine von vielen war, die der Kumpel meines Freundes gleichzeitig traf – da wollte ich sie nicht in eine unangenehmen Situation bringen. Trotzdem, dem Kumpel meines Freundes hätte ich am liebsten sämtliche gesammelten Alice Schwarzer-Tiraden der letzten zwanzig Jahre um die Ohren gehauen.

Wenn es nach mir geht, kann man sich diesen ganzen „Wir sind nicht zusammen, wir schauen noch“-Mist echt sparen. Was für einen Sinn hat es, bei jedem Treffen zu betonen, man habe keine Beziehung, wenn man dann am Ende dann doch genau dieselben Dinge unternimmt, wie „offizielle“ Pärchen – essen gehen mit Freunden, zusammen grillen, Tapas essen mit anderen Paaren… Für mich definieren Taten, Unternehmungen, Erlebnisse das Verhältnis zwischen zwei Menschen viel mehr als nur ein Wort. Eine Beziehung zu führen und sie nicht „Beziehung“ zu nennen, ist deshalb absolut sinnlos.

Wieso führt man dann überhaupt eine Nicht-Beziehung, und wird nicht müde, sämtlichen Bekannten gegenüber immer wieder zu erwähnen, wie toll man doch nicht zusammen ist und nur unverbindlichen Sex hat? Der Vorteil liegt ganz klar auf der Hand: Wer keine Beziehung hat, muss keine Erwartungen erfüllen. Weil das Ganze ja keine Beziehung ist, muss man sich an keinerlei Regeln halten, kann zeitgleich etwas mit Anderen anfangen und abhauen, ohne vorher Schluss machen zu müssen. Richtig miese Nummer also, die auch nicht besser dadurch wird, dass man sich vorab vor Labels und Klassifizierungen gedrückt hat.

Wenn wir, seitdem „Ghosting“ ein dudenfähiges Wort wurde, etwas gelernt haben, dann doch bitte, dass sich wort- und abschiedslos zu verpieseln in keiner noch so lockeren Beziehungsform okay ist. Jede, wirklich jede Art von menschlichem Verhältnis, hat – Verbindlichkeit hin oder her – Wertschätzung und einen würdigen Umgang miteinander verdient. Spielt offen, spielt fair. Darin liegt unendlich viel mehr Coolness, als Möchtegern-lässig fünf Frauen gleichzeitig mit einer „Wir schauen mal, was das wird“-Nicht-Beziehung hinzuhalten.