Von allen christlichen Festen, die das Jahr so mit sich bringt, mag ich persönlich Ostern am liebsten und viel lieber als das überkitschige, hektische und oft in Streit endende, Weihnachten. Mir gefallen nicht nur die vielen Schokohasen und -eier, sondern vor allem auch der Gedanken der ‚Wiedergeburt‚, den das Osterfest nun mal mit sich bringt. Nicht im Sinne von „Komme ich im nächsten Leben als Fisch, Stein oder Rudi zur Welt“, sondern eher im Sinne von Neuanfängen im Allgemeinen. Ostern ist für mich Symbol für all die Möglichkeiten, die wir heutzutage haben, um uns immer wieder neu zu erfinden und uns jeden neuen Tag wie der Phönix frisch aus der Asche erheben zu können. Theoretisch ist uns heute wirklich ALLES möglich. Wenn du willst, kannst du als Bankkauffrau heute deinen Rucksack packen und ab morgen Kellnerin in Thailand sein, du kannst dich selbstständig machen und mit dem hundertsten Start-up für eine echt kreative App auf die Schn***e fallen, um ein paar Wochen später im Tattoostudio in Berlin zu stehen. Alles möglich, wenn du willst.

Einziger Nachteil dieser Flut an Optionen ist, dass Phasen die gerade mal nicht gut laufen und nach einer Veränderung schreien, oft auf dem Rücken unserer Beziehungen ausgetragen werden. Denn, wenn es gerade mal nicht so läuft, wie man will, ist es natürlich sehr verlockend, jemandem – dem Freund oder der Freundin – die Schuld daran zu geben, dass es mit der Selbstverwirklichung nicht ganz so klappt, wie gedacht. Vielleicht merkt man auch nur, dass irgendwas im Leben nicht so stimmt, und kann gar nicht genau benennen, was es ist. Auch da ist es natürlich am leichtesten, alles mal eben auf den Freund oder die Freundin zu schieben. Die kann man ja auch am einfachsten ersetzen. Eine Beziehung lässt sich viel schneller ändern als der Job, die Schulden, die Einstellung.

Es gibt so viele, eigentlich total liebenswerte Paare, die sich trennen, sobald einer von beiden ein neues „Projekt“ angeht. Sei es ein Jobwechsel, die Wiederaufnahme des Studiums oder ein Auslandsaufenthalt. Lieber schnell Schluss machen und noch vorher alle Bänder mit dem alten Leben zerschneiden, nicht dass sonst dem „Neuanfang“ etwas im Wege steht. Dass man die ganze Zeit schon so „neu“ anfangen hätte können und das auch mit dem Freund oder der Freundin – dann kauft man halt einmal im Monat ein Flugticket von Paris nach München oder muss sich halt damit abfinden, dass der Zahnmedizin studierende Freund wieder in eine WG ziehen muss – das rückt dabei schnell mal eben in den Hintergrund.

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele meiner Freunde und Freundinnen ihre Beziehungen aufgelöst haben, wenn sie den Wunsch nach einer Veränderung hatten oder unzufrieden waren. Da wäre der Ex-Freund meines Freundes Timmi, der als Musicaldarsteller nach Berlin durchbrannte und Timmi mit seinen zwei Zwergwiddern einfach wortlos in der gemeinsamen Wohnung zurückließ. Dass er nach drei Monaten Auftrag- und Perspektivlosigkeit mit Blumen an Timmis Tür klopfte und darum bat, wieder zurückgenommen zu werden, wundert da irgendwie nicht groß. Dann wäre da noch der Ex-Freund einer Freundin, der seit zwei Jahren über seinen Job, sein Gehalt und seine Wohnung jammert, aber bis auf ein paar Mal Schluss machen und wieder zurückkommen nichts geändert hat, oder meine beste Freundin, die immer, sobald endlich mal alles in ruhigen, geregelten Bahnen verläuft, schnell Job und / oder Freund austauscht und einfach mal eben sechs Monate nach Paris / London / Los Angeles abhaut (danke, Lauri, an dieser Stelle, dass ich schon seit 19 Jahren Teil deines Lebens sein darf).

Ich selbst bin da auch keine Ausnahme. Nicht, dass ich bei jedem Jobwechsel mit einem „Wir müssen reden“ vor der Tür meines Freundes stünde, aber es ist schon so, dass wenn gerade alles schief lief, zumindest mal kurz der Gedanke aufkam: „Was wäre wenn…“ Nur wurde mir dann immer klar, dass ich nicht meine Beziehung bin. Ich wäre immer noch ich, mit all meinen temporären Problemen und Unbefindlichkeiten, egal mit wem an meiner Seite.

Das ist glaube ich alles ein Stück weit normal. Menschen funktionieren so, dass sie sich gerade in schwierigen Situationen in ihren Köpfen wegträumen und schöne Dinge ausmalen, das hat mir neulich erst ein Beziehungscoach für einen Artikel erzählt. Die Sache ist nur, ob man sich eine Trennung und das Was-wäre-wenn-Szenario mit dem fremden Surflehrer auf Bali nur vorstellt, oder es tatsächlich in die Realität umsetzt. Passiert Letzteres ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass schon bald ein ziemlich böses Erwachen folgt, bei dem einen (hoffentlich) aufgeht, dass der neue Freund nicht den trostlosen Job, die fehlende Leidenschaft und die etwas eingeschlafene Lebensfreude ersetzt. Vielleicht weil der Partner nicht für das persönliche Lebensglück verantwortlich ist. Das sind nur wir, auch wenn es anders so viel einfacher wäre.

Nur weil du etwas ändern musst, musst du nicht deine Beziehung beenden.

Das sollten wir das nächste Mal, wenn wir spüren, dass wir unglücklich sind und nicht so wirklich benennen können, woher es kommt, immer schön im Hinterkopf behalten. Den Weg zu unserem persönlichen Lebensglück müssen wir selbst gehen, und wenn wir dabei eine Begleitung haben, mit der wir auf dem Weg was zu lachen haben und die uns ab und an anschiebt, wenn es gerade mal sehr steil ist, ist es doch umso besser. So unfassbar unstetig, wie unser Leben heutzutage ist, wo Autos geshared, Wohnungen gemietet und Arbeitsverträge nur noch befristet werden, ist es doch super, wenigstens in einer Hinsicht ein bisschen Beständigkeit zu haben.

Ruuudi

Gehört seit Februar 2013 zu mir wie mein Name an der Tür: Rudi.