Ich sitze gerade im Zug nach Kopenhagen. Allein, ohne Begleitung. Halt, stopp, nein, das ist nicht wahr: Rudi ist natürlich mit dabei. Das merkt man nicht nur am Hundegeruch und den genervten Seufzern zu meinen Füßen, sondern auch an der Größe meiner Tasche. Sechs Hundemahlzeiten, eine Decke und zwei Näpfe, nehmen halt doch so ein bisschen Platz weg – so viel, dass Hunde bei der Deutschen Bahn eigentlich den halben Preis des Tickets zähen müssen, wenn sie nicht in die Tasche passen. Irgendwie hat mein Hund es aber auf seine charmant-aufdringliche Art geschafft, die Kontrolleurin davon zu überzeugen, dass er doch eigentlich als Schoßhund durchgeht. (Danke Rudi, 40 Euro gespart.)

Dass wir zusammen allein auf dem Weg in den Urlaub sind, war nicht so geplant. Bis vorgestern hatte ich eigentlich noch eine willige, sehr willkommene Urlaubsbegleitung und mich riesig auf den Gardasee, unser ursprüngliches Reiseziel, gefreut. Doch meistens kommt es halt immer anders als man denkt, und dann muss man aus der neuen Situation einfach das Beste machen. Was für mich hieß: auf keinen Fall die Urlaubstage zurückgeben, dafür hatte ich mich schon viel zu sehr auf einen Tapetenwechsel gefreut.
21C476FB-8C9B-4BC0-98EB-9683D1E65CD1Dann doch lieber improvisieren, dachte ich mir, also wechselte ich das Reisemittel (Zug statt Auto), das Ziel (Kopenhagen statt Sirmione), und buchte mir über Airbnb eine Wohnung. Als ich meinen Eltern von dem neuen Reiseplan erzählte, waren sie einigermaßen entsetzt. „Du fährst a-l-l-e-i-n?“

Ja, klar.

Nicht das erste Mal, auch wenn meine Eltern das immer wieder erfolgreich verdrängen; wahrscheinlich, weil es ihnen so absurd erscheint. Wenn man mal ehrlich ist, ist die Generation der wilden 60er nämlich viel, viel weniger „wild“ als sie selbst denkt. Entweder das, oder ihre Repräsentanten haben im fortschreitenden Alter spontan entschieden, selbst zur Mülltonne im Garten nur noch zusammenzugehen.

Ich fand allein reisen schon immer super, das habe ich schon damals mit 19 Jahren, als ich Au-pair in Frankreich war, gemerkt. In der Zeit lernte ich nicht nur Nantes, die Stadt in der ich lebte, Erasmus-Studenten und Franzosen kennen, sondern vor allem auch mich selbst. Mit allen Ecken, Kanten und Wünschen, sodass ich nach dem Auslandsaufenthalt dann auch endlich wusste, was ich studieren und arbeiten wollte. Auch später bin ich immer mal wieder allein gereist; sei es in den Mallorca-Pauschalurlaub, nach Paris oder Portugal. 2015 habe ich mein Buch „Tinderella“ im Solo-Dänemark-Urlaub zu Ende geschrieben. Und das, obwohl ich zu dem Zeitpunkt schon seit über einem Jahr in einer festen Beziehung war. Manchmal tut es halt gut, sich ganz für sich allein Zeit nehmen zu dürfen und mit all seinen Gedanken allein zu sein. Die hört man im Alltag viel zu selten, wenn man ständig irgendwen um sich hat und auch sonst erlebt man so viel Neues, wenn man ohne Gesellschaft unterwegs ist:

6 Gründe, allein reisen zu lieben

1. #metime unlimited

Niemand, der uns nervt. Im Urlaub hocken wir im Normalfall ja doch sehr viel enger zusammen als zu Hause (mal abgesehen von den Menschen, die sich immer in eine Junior Suite einquartieren). Wenn wir so eng zusammen leben, kann es schon mal passieren, dass wir uns von unseren Mitreisenden genervt fühlen: meine beste Freundin und Urlaubspartnerin regt sich zum Beispiel immer über meine Schlafgewohnheiten auf und findet, dass ich im Urlaub viel zu früh aufstehe. Mich dagegen nervt es, dass sie Ewigkeiten im Bett liegen bleibt und ich mich dann zurück in die Zeit versetzt fühle, als ich noch ein kleines Kind war und morgens ganz leise die Treppe zum Fernseher runterschleichen musste, um meine Eltern bloß nicht zu wecken. Im gemeinsamen Urlaub müssen wir Rücksicht nehmen – das müssen Alleinreisende nicht.

 

2. Wir lernen offener zu sein…

Egal, ob wir andere nach dem Weg, oder nach einem guten Restaurant fragen – weil wir uns im Ausland nicht auskennen, sind wir immer auch auf Hilfe angewiesen. Das Gute daran, wenn man mal nicht die Freundin neben sich hat, die alles per Smartphone regelt, ist, dass wir so lernen, auf andere Menschen zuzugehen und offener zu sein. So schließt man manchmal ganz neue Bekanntschaften, die einem anders nie über den Weg gelaufen wären, wie zum Beispiel „Vespa-Opa“, ein echtes italienisches Original, den ich letztes Jahr in Pisa nach dem Weg zum Hotel  gefragt habe. Statt mir nur den Weg zu erklären, nahm mich der nette, ältere Herr gleich auf der Vespa mit und setzte mich am Hotel aus, nicht ohne mir vorher noch im Vorbeifahren die besten Restaurants in Pisa zu zeigen.

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Der netteste italienische Vespa-Fahrer der Welt.

3. …und werden so selbstbewusster

Wer es geschafft hat, mit 18 Jahren allein vom Flughafen in Barcelona zur Wohnung der Freundin zu finden, der schafft es später auch an der Uni in der neuen Stadt, in den richtigen Bus zur Fakultät zu steigen. Wenn wir allein reisen, lernen wir – auch wenn wir sonst vielleicht eher der Typ sind, anderen die Organisation zu überlassen *hust* – Dinge für uns selbst zu regeln. Das macht stärker, selbstbewusster und gibt uns jede Menge Vertrauen in uns selbst.

4. Wir handeln nach den eigenen Impulsen

Endlich mal alle Bücher zu Ende lesen, 12 Stunden am Stück schlafen, probieren zu Surfen, oder was auch immer… Allein im Urlaub können wir ganz nach den eigenen Impulsen handeln, weil es nichts und niemanden gibt, der uns daran hindern kann, zu tun, was wir wollen. Außer uns selbst – aber dann wollten wir insgeheim wohl eh die ganze Zeit etwas anderes.

5. Wir entscheiden uns

Urlaub ist ja grundsätzlich immer eine 1-a-Gelegenheit sich Gedanken über sich und das Leben zu machen. So ein kleiner Tapetenwechseln bringt uns dazu, das Zuhause aus weiter Ferne ganz neu zu sehen, wir bekommen Distanz zu Pflichten, Hobbys, Wünschen, dem vermasselten Vorstellungsgespräch, den 5 Kilos, den Freund, der einen gestern noch fast in den Wahnsinn getrieben hat. Alles plötzlich egal. Wenn wir ganz allein im Urlaub sind, bringt der Tapetenwechsel aber nicht nur eine Gelassenheit mit neuer „Doch-nicht-so-schlimm“-Haltung mit sich: Weil es niemanden gibt, der uns in unsere Pläne und Gedanken hereinredet, kommen wir so zu ganz neuen Erkenntnissen und Entschlüssen.

6. Wir lernen uns selbst besser kennen

Allein im Urlaub lernen wir, was wir wirklich wollen. Wenn wir allein mit uns unterwegs sind, müssen wir uns ja auch irgendwie beschäftigen und tun dabei das, was uns am meisten Spaß macht – ist ja Urlaub. Vielleicht entdecken wir so endlich unsere Leidenschaft zum Yoga, erkennen wie sehr wir beim Kochen abschalten können oder wie wichtig uns Bewegung ist. Und wer weiß – vielleicht kann man aus dieser Erkenntnis ja auch ein bisschen was mit nach Hause nehmen.