Es gibt zwei Sorten von Menschen auf der Welt: einmal diejenigen, die bei jeder Verabredung schon 5 Minuten zu früh auf der Matte stehen und morgens schon vor Arbeitsbeginn an ihrem Bleistift kauen („Fünf Minuten vor der Zeit, ist in der Zeit“, ihr wisst schon). Und es gibt diese Menschen, die egal wie früh sie aufstehen und wie viele Erinnerungen sie sich in ihrem Handy eingespeichert haben, jedes Mal rund 10 Minuten zu spät sind. Das bin ich.

Es gab eine Zeit, da habe ich noch ziemlich unter dieser Unpünktlichkeit gelitten. (Die Anderen mindestens genauso, aber irgendwann haben sie sich alle so sehr dran gewöhnt, dass ich inzwischen extra zu falschen Uhrzeiten irgendwo hinzitiert werde.) Mir war es früher noch unangenehm, immer diejenige zu sein, die nach dem Klingeln der Schulglocke noch in die Mathestunde huscht, die beim Yogakurs genau in dem Moment ankommt, wenn sich die Tür gerade schließt und so weiter und so fort.

Mittlerweile bin ich damit eigentlich ganz fein.

Klar, es gibt Situationen im Leben, da sollte man besser nicht zu spät sein. Am Flughafen zum Beispiel. Dort habe ich, nachdem ich jahrelang per Lautsprecher aufgerufen wurde, letztes Jahr tatsächlich zum ersten Mal meinen Flieger verpasst. War nicht so prickelnd. Auch nicht zu spät kommen sollte man zu allen Vorstellungsgesprächen, die nicht gerade zufällig in einer total fancy Agentur stattfinden, zum bereits erwähnten Yogakurs, wenn alle schon tiefenentspannt auf der Matte liegen, oder als Lehrer zum eigenen Unterricht (einer der Gründe, weshalb ich doch nicht Lehrerin geworden bin. Vorbildfunktion und so).

Grundsätzlich finde ich aber, dass man der Zeit gegenüber ruhig mal ein bisschen mehr Gelassenheit vertragen könnte. Das fiel mir zum ersten Mal so richtig in der Uni auf: wenn man schon offiziell vom „akademischen Viertel“ spricht, sollte man das doch auch voll ausschöpfen können, finde ich. Mit der Meinung stand ich manchmal aber ganz schön allein da, denn selbst unter knapp Zwanzigjährigen, gibt es mehr zukünftiges obrigkeitshöriges Beamtentum, als man meinen mag. Studenten, die schon eine halbe Stunde vor Vorlesungsbeginn im Saal sitzen und nach Fragen googlen, mit denen sie den Dozenten für einen Extra-Fleißpunkt nach der Vorlesung abfangen können. Sehr vorbildlich, ohne Frage, aber ob sie deshalb mehr vom Leben haben, als die Kommilitonen, die nach Vorlesungsbeginn entspannt mit einem Kaffee und bester Laune in den Raum hineingehuscht kommen, wage ich zu bezweifeln.

Meistens ist es doch so: Wer zu spät kommt, hat mehr vom Leben.

Den Kaffee vor der Vorlesung, die extra-lange Dusche am Morgen, die kurze Pause auf dem Arbeitsweg, um einmal kurz die Alster zu fotografieren, oder der Frau an der Kreuzung den Weg zu erklären.

Das ist ein Luxus, den die Menschen, die sich immer an die Uhrzeit halten, nicht kennen. Stattdessen hoppeln sie wie das weiße Kaninchen in „Alice im Wunderland“ der Zeit und ihren Verpflichtungen hinterher und verpassen dabei das Beste.

Natürlich hat jeder Mensch Pflichten, wie zur Arbeit zu gehen, und dort in irgendeiner Weise produktiv zu sein. Warum das aber ausgerechnet um 9.00 sein muss, wenn man um 9.15 dafür besser gelaunt, richtig wach und voller Tatendrang in den Raum kommt, verstehe ich nicht. Solange man alles schafft, was man auf der Liste hat, finde ich es völlig legitim zu spät zu kommen. (Ich rede nicht von zwei Stunden, sondern über die 10 Minuten, über die manche schon empört die Nase rümpfen.)

Immer schön pünktlich sein, selbst wenn keiner auf einen wartet – das ist wohl eine der zahlreichen Regeln, die sich Menschen für sich selbst ausgedacht haben, um das Leben ein bisschen übersichtlicher und identitätsloser zu machen. Ob solche Regeln das Leben wirklich vereinfachen? Das muss jeder Mensch für sich selbst beantworten, wenn er dazu denn die Zeit findet; ist ja manchmal gar nicht so einfach, wenn man mal wieder zu einem Termin hetzt und das Leben, das auf dem Weg dorthin stattfindet, seinen hausgemachten Pflichten und Zwängen unterordnet.

Deshalb bin ich für eine Gleitzeit und größere Zeitfenster für Freizeit und Vergnügen. Und wenn ich dafür mal eine Viertelstunde zu spät komme, nehme ich das gern in Kauf. Wäre ja zu schade, vor lauter Pünktlichkeit das Leben zu verpassen.